Ein kleiner Odysseus bei seiner Heimreise

Die Entscheidung, mit dem TGV in die Schweiz zu fahren ist schon früh gefallen. Da wir eh nach Perpignan müssen, wollen wir am Bahnhofschalter ein Ticket nach Zug lösen - geht nicht. Dann halt nach Zürich - geht nicht. Also dann, schon mal nach Genf - Juhuuu, das geht.

Am Donnerstag steigen wir mit unserem Gepäck, nur das Nötigste, ein riiiesen Koffer, ein kleiner Koffer, ein Seesack, eine Tüte mit Getränken und Sandwiches, und Karins Handtasche mit den Ticketts in den Wagen 5, verstauen das Gepäck und machen es uns auf den engen Sesseln so bequem wie möglich. Es kann los gehen!

Nach dem Halt in Valence macht mir eine Frau meinen Platz streitig! Ich zeige ihr unser Tickett. Die Plätze sind für uns reserviert. Die herbeigerufene Zugbegleiterin ist zuerst ratlos, das hat sie noch nie erlebt, dass ein Sitz doppelt gebucht ist. Dann stellt sie fest, dass wir in Valence hätten umsteigen müssen. Also fahren wir halt bis zur Endstation dieser Linie, nach Paris. Für die Frau wird ein Platz in der ersten Klasse gefunden.

Versuche, im Internet ein neues Tickett Paris - Zürich zu lösen scheitern mehrmals. Nach der Eingabe von Name, Vorname, Geburtsdatum, Zielbahnhof, Abfahrtsbahnhof, Startzeit, und dies zwei mal, wird die Zahlung nicht angenommen. Wir geben resigniert und genervt auf.

In Paris angekommen stellen wir fest, dass der nächste TGV nach Zürich in 23 Minuten fährt. Also bewacht Karin unser Gepäck, während ich an einem Automaten zwei Billette fordere. Also, wieder Eingabe von Name, Vorname,... und dies zwei mal. Die Zahlung wird refüsiert, und der Zug steht zur Abfahrt bereit. Ich renne zu einem Billettschalter und muss hinter 24 anderen Reisenden anstehen. Der Zug fährt ab. Für heute gibt es nur noch eine Verbindung und ich stehe mit höchst gespannten Nerven in der Reihe. Endlich darf ich schon mal in den Schalterraum, an Schalter 8 muss ich anstehen. Nur noch zwei Personen vor mir! Nach einer gefühlten Unendlichkeit stehe ich vor der Plexiglasscheibe und trage mein Anliegen vor: "J'ai besoin de deux tickets pour Zurich!" Die nette Frau schaut mich an und meint "Pour les tickets vous devez faire à l automate, là-bas." Nun passiert, was mir selten passiert: sämtliche Sicherungen brennen durch. "G o p v e r d e c k e l !!!" Totenstille im Saal. Alle schauen zu mir und fragen sich offenbar, ob ich wohl Terrorist sei oder nur eine politische Parole los werden wolle.

Langsam beginnt das Gemurmel wieder und ich gehe an diesen Automaten um einzugeben: Name, Vorname, ... und dies zwei mal! Als auch diese Maschine mir mitteilt, dass meine Zahlung refusiert wird, atme ich langsam ein, langsam aus und rufe die nette Dame um Hilfe. "Mais Monsieur, c'est facile. Appuyez ici et ecrivez votre nom, ..." Also Name, Vorname, ... und dies zwei mal!! "Et maintenant vous pouvez introduire votre CARTE et voilà!" Das Grinsen verschwindet schlagartig aus ihrem Gesicht. "Paiement refusé". Ratlos führt sie mich zu ihrem Schalter, an dem ich schon einmal gestanden habe und gibt alles an diesem Terminal ein. Hier entdeckt sie, dass die zweite Klasse des Zuges ausgebucht ist, und dass nur noch in der ersten Klasse Platz ist. Kurz umgebucht und ... "Paiement accepté".

Kurz darauf sitzen wir im TGV über Basel nach Zürich. Nachdem wir uns doppelt versichert haben, dass kein Umsteigen nötig ist, holen wir unsere Nerven herunter und ersetzen die durchgebrannten Sicherungen.

In Zürich lösen wir ein Tickett nach Zug. Kein Name, kein Vorname, ... und dies zwei mal, sondern nur "zwei Reisende und Zug" antippen, "Zahlung akzeptiert" abwarten und dieTicketts werden ausgedruckt. Kurz darauf sitzen wir im IC nach Zug. Karin packt unser Schweizer Geld aus und fragt, ob ich etwas davon in mein Portemonnaie haben wolle. Ein Griff in die Gesässtasche lässt mich erbleichen. Es ist weg. Bargeld war ja keines drin, etwa 40 Cents, aber die Karten, die Ausweise, ...

Noch im Zug macht Karin eine Vermisstmeldung an das Fundbüro Zürich. Meine Nerven liegen wieder blank. Was gibt es zu tun? Ausweise, Führerschein, Krankenkasse, Konten sperren, neue Karten bestellen, ...

Am Bahnhof in Zug wartet Andrea bereits auf uns. Sie fährt uns zu sich nach Hause, wo wir die nächsten Tage wohnen werden. Bevor wir aber zu Bett gehen, muss sie, bei einem Glas Wein, unsere aufgeregten Geschichten über sich ergehen lassen. Ganz herzlichen Dank, Andrea, dass du uns, zu so später Stunde, noch abgeholt hast. Du bist ein Schatz.

Am nächsten Morgen, bevor ich etwas unternehmen kann, erreicht mich ein mail. Jemand hat meine Geldbörse gefunden und im Fundbüro abgegeben. Abermals lautes Ausatmen.

Ende gut, alles gut...